Gleise durch die Geschichte: Draisinefahr’n auf der Kanonenbahn

Wo früher Militärzüge Ausrüstung transportierten und später Personenzüge Kinder zur Schule brachten, rosten die Schienen. Heute kann man Bahnfahren mit eigener Muskelkraft: mit Hebel- und Fahrraddraisinen.

Ausgangspunkt ist die Kleinstadt Zossen südlich von Berlin. Gleich am Bahnhof beginnen verschiedene Touren der Erlebnisbahn über die alte „Kanonenbahn“. Die Bahnlinie folgt dabei zunächst dem schmalen Nottekanal durch die Feuchtwiesen der Notteniederung. Die Wasserverbindung wurde vor 400 Jahren gebaut, um Ziegelsteine und Gips aus den naheliegenden Ziegeleien und Gipsbrüchen zu transportieren. Weiter geht über die Felder und durch Laub- und Kiefernwälder in den Niederen Fläming.

Rückblick ins 19. Jahrhundert: In der Gründerzeit wuchs die neue Reichshauptstadt rasch heran. Für die Schießplätze der preußischen Armee gleich hinter den Stadttoren war kein Platz mehr. So fasste das Kriegministerium den Entschluss, den Artillerie-Übungsplatz bei Tegel zu verlegen. Um das neue, unbesiedelte Gelände in der Nähe von Sperenberg zu erschließen, bauten Soldaten die Königlich-Preußische Militäreisenbahn. 1875 wurde sie eröffnet. Die „Kanonenbahn“ verlief von Schöneberg über Zossen bis zum Schießplatz Cummersdorf.

Erste Station der alten Kanonenbahn ist Mellensee. Das historische Gebäude ist zum Erlebnisbahnhof geworden. Zeit für eine erste Pause nach den ersten sechs Kilometern. Sonnenliegen stehen vor der Erfischungshalle und dem Biergarten bereit. Auf dem Bahnsteig stehen die skurrilsten Gefährte: Ein Clownsrad, ein Pedalo, ein Konferenzfahrrad …. und ein ausgemusterter S-Bahnzug von 1937. Auf dem gleichnamigen See in der Nachbarschaft kannst Du Dir Hydrobikes ausleihen: Fahrräder auf zwei schmalen Pontons fürs Wasser. Alle aufsteigen, gleich geht’s weiter!

Bis in die 1940er Jahre wurde entlang der Strecke vielfältige Technik erprobt: neben Militärtechnologie auch Eisenbahn-, Kern- und Raketentechnologie. Wernher von Braun, der die deutsche Rakete V 2 entwickelte, arbeitete ins Sperenberg bis er nach Peenemünde ging, wo er maßgeblich das Aggregat 4 entwickelte – die deutsche Rakete, die als erste am 3. Oktober 1942 mit 60 Kilometern Gipfelhöhe das Weltall erreichte und die später als „Vergeltungswaffe“ V 2 bezeichnet tausende Menschenleben forderte.

Nach weiteren drei Kilometern ist Rehagen erreicht. Der Hausbahnsteig am alten Bahnhofsgebäude wird stilvoll von einem weitläufigen Sonnensegel überspannt. Zahlreiche Tische und Stühle laden zur Einkehr ein. Das feinsinnige Restaurant wird von einem deutsch-französischen Ehepaar geführt. Gekocht wird ausschließlich mit frischen Zutaten aus der Region oder Frankreich. Die wöchentlich wechselnde Karte bietet jeweils drei Menüs mit den klangvollen und vielversprechenden Namen: Rouge, Bleu und Vert. Aber auch Galettes und Crêpes, Käse- und Aufschnittteller sowie hausgemachten Kuchen sind auf der schwarzen Tafel angeschlagen. 

Gegenüber ein nostalgischer Schlafwagenzug, der sich als Hotel entpuppt: Zwei Wagons wurden in der DDR für die Transsibirische Eisenbahn gebaut. Der grüne Wagon ist ein Schlafwagen mit vielen originalen Elementen. Er beherbergt vier Zimmer. Der rote Speisewagen wurde in drei Gästezimmer umgestaltet. Der dritte Wagon ist eine „Donnerbüchse“ aus den 1930er Jahren. Er wurde später zum großen Schlafzimmer umgebaut – und taugte schon öfters zum Trauzimmer. Mit vollem Magen rumpelt unsere Draisine wieder über die alten Gleise.

Die traditionsreiche Eisenbahnlinie fand allerdings kein glorreiches Ende. Stück für Stück wurde die Regionalbahnlinie Zossen – Sperenberg – Kummersdorf – Jüterbog bis 1998 stillgelegt. Aber findige, junge Leute kauften die Strecke, um einen Draisinenbetrieb einzurichten; ähnlich wie es ihn bereits zwischen Templin und Fürstenberg sowie von Töpchin nach Mittenwalde gibt. „Nach langen Verhandlungen mit der Deutschen Bahn konnten wir die Erlebnisbahn im Juli 2003 eröffnen“, erzählt Jan Jähnke, Geschäftsführer der Erlebnisbahn.

Weitere sechs Kilometer sind es, bis wir die Endstation erreichen: Dafür führt die Strecken nun durch märkische Wälder an der Kleinstadt Sperenberg vorbei. Über eine Weiche weichen wir von der ursprünglichen Kanonenbahn ab und biegen auf ein Nebengleis vorbei am Neuendorfer See bis zum Krummen See. Am Prellbock ist Schluss. Als Belohnung gibt’s bei Süsselbecks Eisbutze ein schönes Softeis – wie einst zu DDR-Zeiten. Nur noch fünf Minuten, dann sind wir am Strandbad Sperenberg. Decke ausrollen, Picknick auspacken. Jetzt heißt es chillen und baden, Sonne und Energie tanken. Bis es wieder auf den Rückweg geht.

Übrigens: Unweit von Sperenberg befand sich mit der Kaserne Wünsdorf (Вюнсдорф) die größte Garnision der Roten Armee außerhalb der Sowjetunion. Hier saß das Oberkommando halben Million Sowjetsoldaten in der DDR.

Schwesterstrecken der Erlebnisbahn sind die beiden Draisinenstrecken in Fürstenberg/Havel und Templin in der Uckermark. Diese und weitere Draisinetouren in Deutschland findest Du bald auf Railtripping. Und wenn Du mal richtig Radeln gehen willst, dann dazu alle Tipps und Tricks für Bahn & Bike.

Bilder: Michael Bartnik, Bart Giepmans, Elke Stamm

Michael Bartnik
Verfasst von Michael Bartnik
Vor 20 Jahren, als ich in einem kleine Reisebüro Ferien verkaufte, brachte die Deutsche Bahn ihr legendäres Schönes-Wochenende-Ticket auf den Markt, das den Wochenendtrip viel erschwinglicher machte. Wir erfanden einen Reiseführer für Bahnausflüge.

Fotos: Michael Bartnik.