Mit dem Rad in die Bahn

Ausflüge mit Rad und Bahn sind wahrscheinlich die besten Touren, weil man so viel zu sehen bekommt: Erst mit der Bahn raus aufs Land, dann mit dem Drahtesel die schönsten und abgelegensten Ecken entdecken. Herrlich! Aber manchmal auch stressig: Volle Züge, Fahrradstapeln im Mehrzweckabteil, Treppensteigen mit Reisegepäck, Grübeln an App und Automaten nach der richtigen Fahrkarte. Railtripping gibt Dir die wichtigsten Tipps zur Radmitnahme in Regional- und Fernzügen in Deutschland.

  1. Tipp: Das Fahrrad vor Ort ausleihen
  2. Tipp: Überlege Dir, wann wohin Du fährst
  3. Tipp: Finde das richtige Ticket
  4. Tipp: So steigst Du gut ein
  5. Tipp: Radel auf alten Bahntrassen

1. Tipp: Das Fahrrad vor Ort ausleihen

Am entspanntesten funktioniert „Rad & Bahn“, wenn man sein Fahrrad erst gar nicht in den Zug mitnehmen muss, sondern es am Ziel ausleiht. Diese Empfehlung gilt vor allem an Feiertags- und Sommerwochenenden, wenn die Züge voll sind. In den meisten Reiseregionen gibt es in allen größeren Orten Fahrradverleihe. Diese findet man auf den Webseiten der Tourismusregionen und Radwanderwege oder bei Google Maps. In Brandenburg gibt es zum Beispiel ein umfangreiches Vermieterverzeichnis und alle Fahrradverleihe in der VBB-Livekarte. Bei immer mehr Anbietern kann man online das Fahrrad auswählen und buchen. Eine bundesweite App gibt’s noch nicht.

Praktisch ist das inzwischen in immer mehr Großstädten verfügbare Bikesharing. Einfach ein Mietrad am Straßenrand oder auf einer Station buchen und die Stadt erkunden. Weil es nur wenige Anbieter sind, kann man die App einmal laden und in verschiedenen Städten nutzen. Dafür sind es meistens massige Citybikes statt leichtgängiger Tourenräder für kürzere Strecken und wenig Steigung.

Marktführer Nextbike ist in 60 Städten europaweit verfügbar. Zum Beispiel in Berlin, Hamburg, München, Dresden, Prag, Salzburg, Luzern, Zagreb, Warschau, Krakau oder Kiew. In den größten deutschen Städten und an vielen Hauptbahnhöfen von Mittelstädten von Aschaffenburg über Lüneburg bis Würzburg stehen Callabikes der Deutschen Bahn. Wikipedia hat eine Liste der Fahrradverleihsysteme (Bikesharing) in Deutschland, Frankreich, Polen, Schweiz, Österreich und vielen anderen europäischen Ländern.

Mit dem Rad in die S-Bahn in die Natur

Wenn Du Deinen Drahtesel mitnimmst, dann löse einen „Einzelfahrausweis Fahrrad“ für denTarifbereich Berlin AB (falls Du im Stadtgebiet bleibst). Die S-Bahnen fahren alle 10-20 Minuten nach Grünau und Friedrichshagen.

An den S-Bahnwagen erkennst Du an den großen Piktogrammen die Fahrradabteile. Es dürfen nur so viele Fahrräder in die Bahn, dass genug Platz zum Ein-/Aussteigen besteht und keine Durchgänge blockiert werden. Fahre also lieber außerhalb der Spitzenzeiten, um Deiner Mitfahrt sicher zu sein.

Falls Du kein eigenes Rad hast, miete Dir in der Innenstadt z.B. ein Nextbike über die Jelbi-App.

2. Tipp: Überlege Dir, wann wohin Du fährst

Besonders voll sind die Züge natürlich dann, wenn die meisten Leute auf die Idee kommen, zu den beliebten Zielen in den Urlaub oder auf Ausflüge zu fahren. Wenn möglich, fahr doch dann, wenn nicht alle reisen wollen: Also nicht an Feiertags- und Ferienwochenenden. Gleich ganz früh morgens oder erst zur Mittagszeit. Am besten wochentags nach dem Berufsverkehr. Sonntagabend sind die Züge meist am vollsten.

Fahr doch dorthin, wohin nicht alle anderen wollen: An die Ostsee, die Nordsee, die Mecklenburger Seenplatte, in die Bayerischen Alpen, die Sächsische Schweiz, den Harz, ins Sauerland oder in den Schwarzwald sind die Züge besonders gut gefüllt – vor allem an erwähnten Feiertags- und Ferienwochenenden.

Radtour in den Weinbergen, Rheinland-Pfalz

Schnapp Dir einen Reiseführer und blättere nach versteckten Ecken. In Brandenburg sind das zum Beispiel das Oderbruch, der Nationalpark Odertal, der Fläming, das Havelland, der Barnim, die Niederlausitz oder nach Kostrzyn ins Pompeji an der Oder gleich hinter der polnischen Grenze. Eng wird’s Richtung Spreewald, Rheinsberg/Fürstenberg, Uckermark, Mecklenburger Seenplatte und Ostseeküste.

Einen kleinen Hinweis gibt Dir die Zuggattung: Regionalexpress-Züge (RE) können schnell voll sein, vor allem wenn sie über lange Strecken große Städte verbinden (z.B. RE1, RE2, RE3, RE5 in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern). Regionalbahnen (RB) auf Nebenstrecken sind oftmals weniger voll.

Die ICE-Züge der neusten Generation (ICE 4) erlauben ebenfalls einige wenige Fahrräder an Bord. Sie verkehren u.a. auf den Linien Rhein/Ruhr – Rhein/Main – Stuttgart – München oder Hamburg – Berlin – Halle/Leipzig – Erfurt – München. In ICE, IC und EC ist die Fahrradmitnahme reservierungspflichtig. Also frühzeitig buchen! Auch in Regionalzügen sind die Zugbegleiter immer strenger, nur so viele Fahrräder mitzunehmen, wie Stellplätze verfügbar sind. Ist das Fahrradabteil voll, musst Du auf die nächste Bahn warten.

3. Tipp: Finde das richtige Ticket

Die Bahntarife unterscheiden sich von zwischen Fern- und Regionalverkehr sowie den Verkehrsverbünden und Bundesländern. So wie wir schon im Artikel zur richtigen Fahrscheinwahl lesen kannst. Zugegeben, kaum etwas beim Bahnfahren ist so uneinheitlich wie die Fahrradmitnahme. Also informiere Dich am besten vorher:

  • Fernverkehr: In IC-, EC- und sofern möglich in ICE-Zügen brauchst Du eine Fahrradkarte für 5,40 Euro und eine (kostenlose) Stellplatzreservierung. Die kannst Du schon 3-6 Monate vorher auf bahn.de buchen. Dort gibt’s auch weitere Hinweise zur Fahrradmitnahme im Fernverkehr.
  • Flixtrain: Auch in den grünen Zügen kannst Du Deinen Drahtesel für 9 € mitnehmen. Die Flixtrains fahren auf den Linien Leipzig – Berlin – Hannover – Ruhrgebiet – Köln – Aachen oder Berlin – Halle – Frankfurt – Stuttgart oder Köln – Ruhrgebiet – Hamburg. In den Flixbussen ebenso.
  • Regionalzüge: Zum Quer-durchs-Land-Ticket, zum Länderticket oder Deiner (verbünde-übergreifenden) Fahrkarte für Regionalzüge kostet die Fahrradtageskarte 6,50 €. Deren Preise und Besonderheiten haben wir im Artikel Ticket-Tetris beschrieben.

Toll, in einigen Regionen ist die Fahrradmitnahme in Regionalzügen und S-Bahnen sogar kostenlos:

Im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg VBB kostet die Fahrradmitnahme (zu einem VBB-Ticket) für eine Fahrt 3,50 €, für einen Tag 6 € und für einen Monat 22,80 €. Diese Fahrkarten gelten auch S+U-Bahnen, Straßenbahnen und auf einigen wenigen Regionalbuslinien mit Fahrradanhänger. Zum Brandenburg-Berlin-Ticket brauchst Du weiterhin die DB-Fahrradtageskarte für 6,50 €. Übrigens: #RadImRegio gibt es gute Tipps zur Fahrradmitnahme.

4. Tipp: So steigst Du gut ein

Schon das überlegte Einsteigen kann über Wohl und Wehe Deiner Bahnfahrt entscheiden. Hier ein paar Empfehlungen vom Profi:

  • Sei rechtzeitig am Bahnsteig: Wenn Du vor den anderen da bist, dann läuft alles viel entspannter.
  • Wer sucht, der findet: Das Fahrradabteil wird auf dem digitalen Zugzielanzeiger und im papiernen Wagenstandsanzeiger auf dem Bahnsteig angezeigt oder in den Apps DB Navigator und VBB Fahrinfo – Gruppen am besten auf mehrere Fahrradabteile verteilen.
  • Nimm das Gepäck vom Rad: Satteltaschen müssen abgenommen werden, weil dann mehr Fahrräder ins Abteil passen – Du kannst es dann mit zum Sitzplatz nehmen.
  • Die einfahrende Bahn im Blick: An den Wagen gibt es inzwischen riesige Fahrrad-Piktogramme – Schon bei der Einfahrt erkennst Du, welche Fahrradabteile voll oder leer sind.
  • Gut sortiert ist halb gewonnen: Wer zuerst aussteigt nach vor, wer später aussteigt nach hinten – Fahrräder versetzt aufstellen, damit sich die Lenker nicht ins Gehege kommen.
  • Sitzt, wackelt nicht und hat keine Luft: Mit Haken, Ösen, Spanngurten, Schlössern die Räder sichern, dass sie nicht rollen oder kippen – Natürlich nur solange Ihr keine Anderen damit blockiert – Unbedingt die Wege und Türen freihalten, sonst gibt’s Ärger mit den Zugbegleitern.
  • Wer zuerst einsteigt, malt zuerst: An Endbahnhöfen stehen die Züge in der Regel schon 10-20 Minuten eher bereit, insbesondere an den großen Kopfbahnhöfen wie München Hbf, Frankfurt Hbf, Stuttgart Hbf, Leipzig Hbf, Kassel Hbf. Kommt Dein Zug von anderswo, steig einfach eine Station früher ein: Zum Beispiel in Berlin bereits Südkreuz, Gesundbrunnen oder Ostkreuz, in Hamburg bereits Dammtor oder Altona, in Köln in Deutz oder in Dresden in Neustadt etc.
  • Reden hilft: Sprich Dich mit anderen Radfahrern ab, wo sie hinfahren wollen – Informiere an welchem Bahnhof Du aussteigen willst – Helft Euch gegenseitig.

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Wem das oben zu viel Text war: Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg gibt Tipps in einem kurzen Video

5. Tipp: Radel auf alten Bahntrassen

Alle alten Bahntrassen, auf denen die Gleise gegen Radwege getauscht wurden, hat der passionierte Radfahrer Achim Bartoschek auf www.bahntrassenradeln.de mit viel Liebe zum Detail zusammengetragen. Radle über sanft gewundene Bahnlinien, vorbei an historischen Bahnhofsgebäuden, durch stillgelegte Tunnel und über hohe Eisenbahnviadukte. Alles meist schön flach, weil Eisenbahnen bekanntlich wenig Steigung haben.

Dort findest Du zum Beispiel die zauberhafte Ederseebahn von Bad Wildungen nach Krobach im Hessischen Bergland. Oder die alte Oderbruchbahn, die die Ernte zu den Bahnhöfen Fürstenwalde und Seelow in Brandenburg brachte. Oder die alte Muldentalbahn von Großbothen vorbei am Kloster Nimbschen, über Grimma nach Wurzen in Sachsen. Oder der Freiberger Mulderadweg vom tschechischen Moldava über den Erzgebirgskamm nach Holzhau. Besonders viele Bahntrassen-Radwege gibt es in NRW.

Besonders aufregend ist es, wenn die alten Schienen noch im Gleisbett liegen, und Du sie mit einer Draisine befahren kannst: Rumpelnd und pumpelnd geht es dort entlang, wo einst die Züge fuhren. So führt die 13 km lange Erlebnisbahn von Zossen zum Strandbad Sperenberg. Die bewegte Geschichte der alten „Kanonenbahn“ haben wir in einem eigenen Beitrag beschrieben. Diese und weitere Draisinentouren findest Du bei Railtripping unter Radeln auf alten Gleisen,

Rumpelnd und pumpelnd auf alten Gleisen unterwegs

Preise und Angaben: Stand Frühjahr 2020

Titelbild: Shutterstock

Michael Bartnik
Verfasst von Michael Bartnik
Vor 20 Jahren, als ich in einem kleine Reisebüro Ferien verkaufte, brachte die Deutsche Bahn ihr legendäres Schönes-Wochenende-Ticket auf den Markt, das den Wochenendtrip viel erschwinglicher machte. Wir erfanden einen Reiseführer für Bahnausflüge.

Fotos: Michael Bartnik.