Berg-, Tal- und Adria-Panorama von Zagreb nach Split

So lässt sich das Land am besten entdecken: Aus dem sanft schaukelnden Erstklasswagen der Eisenbahn. Nun, es ist zwar kein mondäner Orientexpress mit Klaviermusik. Und sanft schaukelt er auch nicht immer. Aber die vorbeiziehende Landschaft Kroatiens ist umso eindrucksvoller.

Wartende Züge am Bahnhof Zagreb Glavni Kolodvor

Abfahrt 7:35 Uhr von Zagreb Glavni kolodvor, dem k.u.k. Palast aus den 1890ern am Ende der Prachtstraße von Kroatiens Hauptstadt. Es ist ein Triebzug mit zwei Wagen, ein Intercity Nagibni mit Neigetechnik, der Nachfolger des Pendolinos, einem deutschen Fabrikat aus Hennigsdorf bei Berlin. Es ist, als würde man in der Deutschen Bahn sitzen, wenngleich die ICN der kroatischen Bahn nie in Deutschland im Einsatz gewesen sind.

Kein Speisewagen, keine Abteile, kein Am-Platz-Service. Nur der wunderbare Panoramablick aus dem Zugfenster. Gut beraten ist also, wer im Hauptbahnhof noch ein paar Brötchen bei den Bäckern besorgt (Belegtes gibt’s hier irgendwie nicht).

Zunächst geht es durch die weiten Ebenen nach Karlovac auf der Transversale in Richtung Rijeka, Triest und Venezia. Der kleine Pendolino-Nachfahre schaukelt sich durch die ersten Kurven. Die Strecke wurde schon 1865 von der österreichischen Südbahn gebaut, ging dann an die ungarische Staatsbahn. Österreich-ungarischer Gebietstausch.

Das ist noch „echter Eisenbahnbetrieb“: An jedem Bahnhof gibt es einen Vorsteher, der die Kelle hebt oder wenigstens – bei Vorbeifahrt – vor sein Häuschen tritt.

Abzweig Oštarije, wir fahren ab auf die Lika-Bahn, benannt nach einem Flüsschen, das sich hier zwischen den Bergen der Mala Kapela hindurcharbeitet. Es geht das erste Mal über die Pässe des Bergmassivs. Kurven, Tunnel, Täler, Viadukte.

Während des Kroatienkrieges 1991-1995 hat die Bahnlinie gelitten. Zerstörte Häuser und Dörfer rechts und links der Bahnlinie. Ein Bahnhof ist nur aus Containern wieder aufgebaut. An einem Ort befindet sich neben der Strecke noch ein Minenfeld.

Bald darauf kommt der Eisenbahnknoten Knin. Viel ist nicht übrig geblieben. Abzweig nach Zadar an die norddalmatische Adriaküste, ein paar Stationen weiter der Abzweig nach Šibenik an die mitteldalmatischen Strände und unsere die Hauptstrecke an den Hafen von Split. Nur noch ein paar kleine Triebwagen befahren die Zweigstrecken.

Ein Höhepunkt hinter den Bergen: Ganz wunderbar muss die schlängelnde Talstrecke der Una-Bahn ab Knin ins bosnische Bihać sein. Benannt nach dem gleichnamigen, rauschenden Bergfluss. Entlang der tief eingeschnittenen Schlucht reihen sich hier hintereinander Tunnel, Viadukte, Rampen und Kehren. Leider fahren die Ausflugszüge nur noch auf bosnischer Seite.

Zurück zu unserer Panoramafahrt nach Split. Die größte Attraktion ist dann das Überqueren des Zagora-Gebirges. Mal schnell, mal langsam arbeitet sich der Zug die Serpentinen hinauf. Immer wieder ein fester Ruck, vor allem wenn das Gefährt durch seine Neigetechnik die anderthalbfache Geschwindigkeit fahren darf. Hunderte Meter geht’s in die Schluchten hinab, kilometerweit der Blick. Das Tal schnürt sich zu. Wir queren den Pass. Das Tal öffnet sich wieder. Die Kurven werden weiter. Bis plötzlich, die ersehnte Aussicht, erscheint das Meer im Hintergrund. Größer und größer wird es, je näher wir kommen, desto weiter wir hinabsteigen.

Wohnblöcke weichen Weinhängen. Industrie bestimmt das Bild. Wir sind in der Hafenstadt Split. Noch im Tunnel unter der Altstadt hindurch und der Zug rollt im kleinen feinen Sackbahnhof ein, der direkt neben dem alten Hafenbecken liegt. Zwei, drei historische Flachbauten und drei, vier Gleise. So unspektakulär kann die Endstation am Ende einer so spektakulären Reise sein.

Michael Bartnik
Verfasst von Michael Bartnik
Vor 20 Jahren, als ich in einem kleine Reisebüro Ferien verkaufte, brachte die Deutsche Bahn ihr legendäres Schönes-Wochenende-Ticket auf den Markt, das den Wochenendtrip viel erschwinglicher machte. Wir erfanden einen Reiseführer für Bahnausflüge.